H E R M A N N    N I T S C H

Veronika Jungebluth

Es war mir eine Freude zu sehen, wie sich ihre Begabung immer mehr entwickelte. Sie hat sich freigeschwommen, ihre Malerei wurde frisch und spontan. Es ist ihr gelungen, in das Fleisch der Malerei zu greifen. Unvermittelt werden Farbsubstanzen und Farbklänge auf das Bild gesetzt. Sie hat einen frischen, dynamischen Umgang mit der Farbe. Eine gestische, befreiende, bewußtmachende Seismographie ihrer gesamten psycho-physischen Natur macht ihre Resultate wesentlich. Zuerst war das Begreifen der Farbsubstanz entscheidend für ihre Auseinandersetzung. Sie hat gelernt, ungehemmt Farbe zu verschütten, zu verspritzen und zu verschmieren. Eben dadurch hat sie ebenfalls gelernt, sinnlich intensiv zu empfinden, sich zu öffnen. Die Intensität rüstet sich automatisch mit Sensibilität aus. Nicht nur die Sprache kann einen psychoanalytischen Vorgang einleiten, sondern auch das Intensivieren und Aktivieren des gesamten Spektrums unserer sinnlichen Wahrnehmungsbereiche kann Verdrängtes ausbrechen lassen, welches sich auf der Bildfläche niederschlägt und durch die Form bewußt gemacht wird. Sinnliches Erleben macht bewußt. Es gibt keine Sinnlichkeit ohne Bewußtsein. Jede sinnliche Registration muß sich im Bewußtsein niederschlagen. In diesem Sinn ist das tiefe Vordringen in den sinnlichen Erfahrungsprozeß ein Bewußtmachungsprozeß. Die Malerei von V. Jungebluth beweist, daß Geist und Leib eine Einheit sind und daß der platonische Irrtum der Trennung von Fleisch und Sinnlichkeit ein Unfug ist, den es zu überwinden gilt. Nachdem die Malerin gelernt hat, mit der Farbsubstanz umzugehen, setzte sie sich wieder mit dem Farbklang auseinander. Farbe und Substanz sind kein Widerspruch in Ihrer Malerei. Ihre Bilder haben Farben von eben erblühten Blumen, von üppigstem Blumenfleisch. Eine vegetative, atmende Pracht von organischem Werden strömt uns entgegen. Man weiß, die Aktionsmalerei beansprucht einen Prozeß. Der Malprozeß ist genauso wesentlich wie das Resultat und gerade beim gelungenen Resultat ist der dramatische Höhepunkt des Prozesses erkennbar. Die Intensität des Vorganges ist festgehalten. Die in die Tiefe unserer psycho-physischen Organisation gehende Malerei der Künstlerin hat eine starke psycho-hygienische Ausstrahlung. Gute Malerei geht immer einen Schritt über sich hinaus.

Hermann Nitsch
Salzburg, 1997







Veronika Jungebluth

It was a great pleasure to see how Veronika Jungebluth's talents developed more and more. She swam free into open water, her painting became fresh and spontaneous. She succeeded in reaching into the very flesh of painting. She places colour substances and colour tones directly into the picture and has an immediate, dynamic approach to colour.

A gesticular, liberating, conscience-heightening seismography of her entire psycho-physical nature gives weight to the results. At first it was an understanding of colour substance that was important in her work. She learned to spill, spray and smear colour in a totally uninhibited way. And through this she also learned to perceive in an intensive, sensory way, to open herself. An intensity which is automatically yoked with sensitivity. Not only language can initiate a psychoanalytical process, but an intensification and activation of the entire spectrum of our worlds of sensory perception can also bring out into the open what is suppressed, expressing it in pictures and revealing it through form. Sensory experience made conscious. There is no sensory perception without consciousness. All sensory perception must register in consciousness. In this way, a deep penetration into the process of sensory experience is a process of
coming to consciousness. Veronika Jungebluth's paintings show that body and spirit are a single unity and that the platonic error of the separation of flesh and sensory perception is nonsense to be overcome. Once she had perfected her understanding of colour substance, she turned again to colour tone.

Colour and substance are not contradictory in her painting. Her paintings have the colours of newly blossoming flowers of the lushest flesh of flowers. A vegetative, breathing splendour of organic being streams out at us. We know that action painting involves a process. The process of painting is just as important as the result and in the case of a successful result, the dramatic climax of the process is revealed. The intensity of the process is captured. The artist's paintings reach into the depths of our psycho-physical nature and have a strongly psycho-hygienic air. Good painting always goes one step beyond itself.

Hermann Nitsch
Salzburg, 1997